Dr med Ludwig Brehm

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Das könnte Dr. Brehm sein
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Telegram an Dr. Pohl

 

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Erster Brief an Dr. Pohl

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Originalarztrechnung von 1936

Ein alter Krankenwagen
Ein alter Krankenwagen

 

Dr.  Ludwig Brehm war als praktischer Arzt und Geburtshelfer in Mudersbach tätig von 15.07.1919 bis 1.03.1939. Trotz der 20 jährigen Niederlassung in Mudersbach ist relativ wenig von ihm überliefert.  Da ich erst nach meiner Tätigkeit in der Praxis Zeit und Ruhe gefunden habe mich mit der Vergangenheit etwas zu beschäftigen sind meine Recherchen leider nur  von spärlichem Ergebnis.

Teilweise sind die Angaben auch widersprüchlich. Grundsätzlich einig war man sich darüber: Damals ging man nicht zum Arzt.  Wunden ob offen oder geschlossen wurden mit Enten- oder Hühnerfett  eingesalbt und mit Lappen umwickelt. Erst wenn alle Hausmittel versagt hatten ging man zu Dr. Brehm. Vorher allerdings und so war es üblich ging man zu den Ordensschwestern im sogenannten Alten Krankenhaus in der Siegstraße.

(Dieses Haus war übrigens  auch vorübergehend Wohnhaus meiner Eltern) Dort fand die Erstversorgung statt ganz zum Leidwesen von Dr. Brehm. Die Schwestern machten Nachtwachen bei den Sterbenden oder Schwerstkranken. Sie wuschen aber auch die Kirchenwäsche der Brachbacher Kirchengemeinde und wurden dafür mit Nahrungsmitteln versorgt.

Dr. Brehm kam wohl aus Bayern. Er war eine elegante Erscheinung mittel groß schlank  trug eine Hornbrille und meist einen Hut war immer schick. Bei den Hausbesuchen, die er in der Regel zu Fuß durchführte, schlenkerte er seinen Krückstock immer rund. (Frau Agnes Zöller konnte es noch demonstrieren) Er war einer der ersten im Ort der ein ein Auto besaß. Frau Christel Stinner bezeichnete es als Rennwagen. Es war offensichtlich ein Horch Cabrio beige braun.

Das Auto wurde hauptsächlich von  etwas korpulentern immer einen Hut tragenden Ehefrau gefahren.Man sei ins Theater nach Frankfurt gefahren. Die Ehefrau Friederika galt eine vornehme unnahbare Frau. Sie konnte keine Kinder ertragen, selbst Kinderwagen waren ihr ein Dorn im Auge und mussten bevor sie wach wurde aus dem Haus entfernt werden. Der Volksmund sagt :

“Sie waren etwas Besseres“. Sie hatten Hunde, wohl 6 Dackel mit Glöckchen, teilweise wird  aber auch über einen großen weißen Hund mit braunen Flecken berichtet. Als der Dackel gestorben war soll die Frau 1/4 Jahr schwarz getragen haben.

Sie spielten Tennis in der Hütte neben dem alten Bahnhof, später Bechers Haus. Frau Vierbuchen (jetzige Frau Zöller) war Ballmädchen.

Die medizinischen Möglichkeiten waren sehr eingeschränkt. Bei Kinderkrankheiten Masern, Scharlach, Diphtherie, Windpocken wurden alle Kinder zusammen ins Bett gesteckt, damit man mit den „Kinderkrankheiten durch war“. Bei Keuchhusten  kam man auch schon mal in die Kältekammer der Siegtalbrauerei. Später dann wurde auch mal ein „therapeutischer Rundflug“ mit dem Bäcker Eberhard (Mockenhaupt) organisiert. Dr. Brehm forderte die Kinder auf den Mund zu öffnen, indem er sagt :“ Machs Meindche auf“. Therapeutisch ordnete er Hals- oder Brustwickeln an, als Medikament gab er bei den Kinder meist Lakritzwasser und Tees.

Die erste Anlaufstation waren immer die Ordensschwestern. Sie wurden dafür auch als erste bedacht, wenn neue Kartoffeln geerntet wurden, auch das erste Korn wurde bei ihnen oder im Pfarrhaus abgeliefert.

Wenn den Schwestern  die Wunden zu groß waren, der Abszeß zu dick, ging man zur chirurgischen Versorgung in die Praxis, die sich in der oberen Etage befand, das Wartezimmer im Flur.

Angeblich habe er hauptsächlich Patienten arbeitsfähig geschrieben. Böse Zungen behaupten :“Er war mehr für Kassen da als für die Patienten.“ Ist er deshalb auch später Knappschaftsarzt -Vertrauensarzt- in Bochum geworden??

Den vielen asthmatischen Bronchitikern und den Bergleuten wurde z.B. Felsol Pulver in der Apotheke hergestellt. Wie überhaupt alle Medikamente Pillen, Pulver, Zäpfchen und Salben in der Apotheke in Niederschelden hergestellt wurden. Fertigarzneien waren selten. Lungenentzündungen waren oft tödlich, Mandelentzündung eine schwere Erkrankung. Die Desinfektion vor Ort wurde meist mit Schnaps durchgeführt. Ganz schlecht war, wenn der bereits ausgetrunken war, das gab Schelte durch den Doktor. Aber auch als therapeutische Verordnung hatte Schnaps seinen Stellenwert. Der Großvater von Agnes Zöller sollte täglich um 5 Uhr einen Schnaps trinken, was – weil vom Doktor verschrieben- auch akribisch eingehalten wurde. Dennoch habe er „Wasser“  in die Lunge bekommen. Eine ganze Schüssel voll wurde zuhause abpunktiert. Alles ist gut gegangen.

„Meiers Elisabeth’s“ Vater hatte Venenentzündung und wurde zunächst mit Heusäcken behandelt . Wegen Erfolglosigkeit dieser Massnahme erfolgte Einweisung ins Krankenhaus mit Pferdewagen oder Kuhwagen (siehe unten) oder vielleicht schon mit Krankenwagen von Martin Stausberg? Leider verstarb er dort 1935 mit erst 48 Jahren . (Auch der „Dicke Euteneuer“ hatte schon früh ein motorisiertes Fahrzeug mit dem auch Krankentransporte durchgeführt wurden.) 

Die Schwester von Kölschbachs Kunigunde (Roth vom Knöppchen) starb mit 7 Jahren an Masern, sie war voll Wasser gelaufen (Nierenversagen), das Wasser lief  aus der Haut. Dr. Brehm habe sie noch ins Krankenhaus geschickt.

Bei dem Fußballspiel Allemania Aachen gegen Brachbach wurde der Brachbacher Rechtsaußen Franz (Fränzchen) Neuser durch den damaligen Nationalspieler Münzenberg verletzt. Er erlitt eine große Fleischwunde, die vor Ort von Dr Brehm genäht wurde.

Die meines Wissens letzte noch lebende Person, die von Dr. Brehm entbunden wurde -wie im Tagebuch von Franz Utsch bestätigt- war Mathilde Utsch (Mannes Tilli)  geb 11.02.1925. Zu deren Hausgeburt wurde Dr. Brehm gerufen (Anmerkung: 2014 verstorben). Der Impfschein von der erfolgreichen Pockenimpfung von Lore Röcher (Kleins Lore) ist noch im Original erhalten. Daraus gehen übrigens auch noch die Praxiszeiten hervor, die anfangs wohl auch täglich  in Niederschelderhütte stattfanden.

Auch das gab‘s damals schon: Josef Euteneuer  ( genannt der dicke Euteneuer)  führte einen Prozeß gegen Doktor Brehm weil er angeblich seiner Tochter, die an Kindbettsfieber verstarb, diese Infektion übertragen habe.- PS : Die Enkelin ,Frau Gertrud Stinner, merkt dazu an: Die Übertragung sei wohl eher durch die Hebamme erfolgt und Dr Brehm habe sie nicht verhindert.-

Wie oben schon angedeutet hat sich  Dr. Brehm, aber wohl vor allem seine Frau, in dem ländlichen Gebiet nie richtig wohl gefühlt. Sie hatten eher „städtische“ Interessen. Außerdem war es wohl zu Unstimmigkeiten mit der Bevölkerung aber auch mit dem Pastor gekommen.

Mein Vater übernahm im Januar 1939 die Praxis nachdem er vorher mehrfach Vertretungen übernommen hatte .

Für die oben verwerteten Informationen danke ich den Patienten:

Paul Hilger, Christel Stinner, Elisabeth Schultes, Elisabeth Trümper, Otto Strauch, 

Agnes Zöller, Hanni Eutebach, Elfriede Farnschläder, Bernhard und Antonius Baumeister, 

Erich Röcher, Lore Klein